Über das Seminar - Der Seelenbegriff in den Religionen



Der Seelenbegriff in den Religionen

Anthropologen gehen davon aus, dass schon die Neandertaler an ein Leben nach dem Tod glaubten und deshalb den Verstorbenen Grabbeigaben mitgaben. Weltweit finden sich Grabbeigaben in unterschiedlichen Kulturen der Vorzeit. Sie sollten der Seele auf ihrem Weg helfen. In den Gräbern fanden sich zum Beispiel bemalte Bachkiesel, auch Seelensteine genannt. In Australien waren es Holz- und Steinstücke, die als Verkörperung der Vorfahren gehütet wurden.
Die Seele wird in vielen Kulturen als Vogel dargestellt, der den Körper beim Tod verlässt. Die vermutlich älteste Darstellung des Seelenvogels stammt aus dem Ende der Eiszeit 15.000 v. Chr. und findet sich in einer Felsenmalerei in einer Höhle von Lascaux. Das Bild zeigt einen sterbenden Jäger, dessen Seele den Körper als Vogel verlässt. Das Bild der Seelenvögel findet sich auch in Ägypten (Ba-Seele) im 4. Jahrtausend v. Chr., in Syrien im 3. Jahrtausend v. Chr., bei den Karthagern des 3. und 4. Jahrhunderts v.Chr., in Steinbildern in Oberitalien und Zentralafrika genauso wie bei den Indianern Mittelamerikas (Hinterhuber S.7).
In einigen Tälern der Ostschweiz besitzen die Wohnstuben der Bauernhäuser seit alters her einen „Seelenstein“. Es ist ein in Tücher gehüllter Stein in der Hauswand, der herausgenommen wird, wenn jemand im Haus stirbt, damit die Seele des Sterbenden das Haus verlassen und zum Himmel steigen kann (Hinterhuber S.15)

Ägypten

Im alten Ägypten galt der bestattete Leichnam als weiterhin beseelt und behielt seine Identität und seinen Namen. Der Seele wurde die Möglichkeit geschaffen, jederzeit in das Grab zurückzukehren, um sich im Diesseits aufzuhalten. Daher wurde der Leichnam mumifiziert. Die reichen Grabbeigaben galten als Grundbedingung für das Fortleben nach dem Tod und für die Seelenwanderung. Auch für die Lebenden war die weitere Verbindung zu den Seelen der Verstorbenen wichtig.
Nach ihrem Tod wurden die Toten vor das Totengericht gestellt und mit einer Waage gewogen. Auf der einen Seite der Waage lag die Totenseele, auf der anderen eine Feder. War die Seele durch Sünden beschwert, wurde sie von einem Untier gefressen. Nur wenn sie leichter war als die Feder, konnte sie ins himmlische Reich gelangen. Mit Hilfe der Magie konnte jedoch auf das Totengericht Einfluss genommen werden.
Die Seele wurde in Ägypten in drei Aspekte unterteilt: In die Ka-, die Ba- und die Ach-Seele. Die Ka-Seele ist die Quelle der Lebenskraft und enthält die Persönlichkeit. Sie ist das Lebendige im Menschen, das ihn beseelt und belebt. Während der Schwangerschaft entsteht sie zusammen mit dem Körper, indem sie von einer Gottheit geformt wird. Der Körper ist nur das Gefährt für eine höhere Kraft, die das Leben steuert. Die Ka-Seele verlässt den Körper beim Tod und ist eigenständig, auch wenn sie in fortdauernder, enger Verbindung mit dem Leichnam, der Mumie steht. Die Aufgabe der Ka-Seele nach dem Tod ist, den Toten zu schützen und ihm zu einem Dasein zu verhelfen, das seinem bisherigen sozialen Rang entsprach. Sie wohnt dazu in einer Statue im Grab, die eigens für sie errichtet wurde. Dort wurden auch Speisen und Getränke bereitgestellt.
Die Ba-Seele tritt erst beim Tod hervor, für sie ist der Tod eine Geburt. Zu Lebzeiten ist die Ba-Seele im Körper eingeschlossen. Auch sie ist nicht präexistent, sondern entsteht im Körper. Die Ba-Seele ist der geistige Teil des Individuums und wird auch mit den Begriffen Ruhm und Ansehen, Macht und Tatkraft, Wille und Wesen übersetzt. Sie beinhaltet das individuelle Wesen, das aus der göttlichen Substanz des Ursprungs geschaffen wurde. Als Schöpfer wird oft der Sonnengott genannt. Die Ba-Seele verbindet Menschen mit Göttern. Sie besitzt eine große Beweglichkeit, was sich auch in der Darstellung als Vogel, oft mit Menschenkopf, ausdrückt. Im alten Reich war Ba anscheinend nur den Königen vorbehalten. Erst in der ersten Zwischenzeit und im Mittleren Reich taucht sie auch in Sargtexten von Privatleuten auf. Die Totenfürsorge der Privatleute konzentrierte sich jedoch auf die Ka-Seele.
Die Ach-Seele ist wie Ka eine Manifestation von Lebenskraft. Sie ist das Unsterbliche im Menschen, der Lichtgeist, der am Himmel lebt. Aber erst nach dem Tod kann sie durch entsprechende Bemühungen erlangt werden. Der Tote eignet sich die Ach-Kraft an und wird dadurch zum Ach. Im Unterschied zur Ka-Seele ist Ach aber nicht ortsgebunden. Sie braucht keine Grabgaben. Die Ach-Seele kann sich Lebenden als Gespenst zeigen, wohltätig sein oder Schaden anrichten (Hinterhuber S.21ff, Wikipedia).

Kelten

In „De bello gallico“ erwähnt Caesar, dass die Kelten glauben, dass die unsterbliche Seele in einem anderen Menschen wiedererscheint (Hinterhuber).

Iran

In der altiranischen Sprache gibt es eine Reihe von Ausdrücken für die Seele, die schon in der Zeit vor Zarathustra verwendet wurden.
Zarathustra oder Zoroaster, wie er auch genannt wurde, erneuerte die Religion im Iran, weil er die Opferkulte der Mithras-Priester ablehnte. Vermutlich ebte er 1000 bis 1200 v. Chr., nach anderen Angaben 638-551 v. Chr. Nach seinen Vorstellungen muss sich die Seele während ihrer irdischen Inkarnation zwischen zwei Fürsten entscheiden, zwischen dem Herrn des Bösen und des Truges und dem Herrn des Guten.
In Zarathustras Schöpfungsmythos heißt es, dass der Schöpfergott Zurvan die Welt aus der Ur-Leere auf dem Fundament der Wahrhaftigkeit erschuf. Er gebar zwei Söhne als Zwillinge, den guten Geist Ahura Mazda und den Bösen Geist Angra Mainyu. Diese beiden wirken zusammen und schaffen damit die polare Welt.
Der erschaffene Mensch wird gut geboren. Seine Seele ist aus der Lebenskraft der Gottheit geschaffen. Während seines Lebens ist der Mensch frei,  zwischen Gut und Böse, zwischen Gott und Teufel wählen. Seine Aufgabe ist, sich mit Hilfe der Amesha Spentas, der „heilwirkenden Unsterblichen“, den Engeln des Ahura Mazdas, im Denken, Handeln und Reden zum Guten zu bekennen. Das Böse versucht mit seinen Teufeln dies zu verhindern und nutzt dazu Begierde, Schmerz, Zweifel, Hunger, Armut, Seuchen, das Übel. Stirbt der Mensch, geht seine Seele über die Scheidebrücke oder Cinvat-Brücke, die Gute von Bösen trennt. Die gute Seele wandert über einen breiten, leicht begehbaren Bogen in ein paradiesisches Jenseits. Die böse Seele findet nur einen schmalen Pfad, der wie eine Schwertklinge ist. Während sie den schmalen Pfad überquert, wird ihr schwindlig und sie stürzt in einen Abgrund aus Feuer, der einem Vulkankrater gleicht (Wikipedia).

China

Wie zahlreiche indigene Völker hatten auch die Chinesen in frühgeschichtlicher Zeit verschiedene Ausdrücke für die Seele. Im Menschen befanden sich zwei Seelenaspekte: die Körperseele (p´o oder péh) und die Hauchseele (hun). Die Körperseele ist für die körperlichen Funktionen, insbesondere Bewegung, zuständig, die Hauchseele für Bewusstsein und Verstand. Während des Lebens kann die Hauchseele den Körper verlassen und wieder zurückkehren. Beim Tod trennt sie sich endgültig vom Körper und begibt sich bei einem natürlichen Tod in den Himmel oder in einen anderen Jenseitsbereich. Bei einem gewaltsamen Tod bleiben beide Seelen als Gier- oder Racheseelen im Umfeld des Verstorbenen. Auch die Körperseele besteht nach dem Tod weiter, bleibt jedoch mit dem Körper verbunden und begleitet ihn normalerweise ins Grab, wo die Grabbeigaben für ihr Wohlergehen sorgen sollen. Mit der Nahrung nimmt der Mensch feinstoffliche Energie auf, die von beiden Seelen zur Kräftigung gebraucht wird (Wikipedia).

Japan

Die Seelenvorstellung in Japan wurde geprägt vom Ahnenkult des Shintoismus und vom Mahayana-Buddhismus, der im 6. Jahrhundert eingeführt wurde. Nach dem Tod leben die Seelen der Verstorbenen unerreichbar in einem jenseitigen Land. Sie können aber die diesseitige Welt aufsuchen und unter den Menschen weilen. Für gewaltsam ums Leben gekommene wurden Seelenschreine errichtet. Die Seele wird tama oder mitama genannt, was kostbar, wunderbar, geheimnisvoll bedeutet. Sie besteht aus zwei Anteilen: ein milder, glücklicher Seelenanteil kümmert sich um das Wohlergehen der Person, ein anderer Teil ist wild und leidenschaftlich. Er lässt den Menschen Risiken eingehen und Übeltaten vollbringen (Wikipedia).

Nordamerika

Auch bei den Dakotas und Lakotas, den Sioux-Indianern Nordamerikas, gibt es den Begriff der Seele: „Die heilige Kraft Inyan´s, des Schöpfergottes, hielt alles in Bewegung, die ganze Schöpfung und auch die Seelen der Menschen. Und diese Kraft war Wakan Tanka, das Große Unbegreifliche.“ (Steinwede S.118)

Hinduismus

In den Upanishaden, der Grundlage des Hinduismus, wird der Ursprung von Mensch und Welt beschrieben. Die ältesten Texte wurden 750 v. Chr. niedergeschrieben. Ein zentraler Punkt der Upanishaden ist die Frage nach dem Verhältnis der Einzelseele des Menschen (Atman) zur Weltseele (Brahman). Das transzendente Brahman ist die einzige, unpersönliche, geistige Realität, das Absolute, das alles Sein Umfassende, die allumfassende Bewusstheit, die Quelle, aus der das Universum entsteht, das Absolute, welches das ganze All durchdringt. Es ist für den menschlichen Geist unfassbar. Es ist unendlich und unerklärlich. In jedem Wesen ist ein Funke von Brahman, daraus entsteht Atman, die individuelle Seele. Atman ist das Unsterbliche im sterblichen Leib. Der Mensch durchläuft den Kreislauf der Wiedergeburten. Um Erlösung (Moksha) zu erlangen, muss der Mensch erkennen, dass Brahman und Atman letztlich eins sind. Dann löst sich die Einzelseele (Atman) in der Weltseele Brahman auf (Waterstone S. 124, Holzhausen S. 86ff).

Buddhismus

Der Buddhismus entstand etwa 500 v. Chr. Nach buddhistischer Auffassung ist die Welt nicht das Werk eines persönlichen Gottes. Sie ist Resultat des Karmas, der tugendhaften und untugendhaften Taten. Im Buddhismus gibt es keine individuelle Seele. Es gibt nur Geist, der sich mit dem individuellen, vergänglichen Selbst identifiziert und dadurch fehlgeleitet glaubt, ein Individuum zu sein. Seine Triebe, Wünsche, Verhaftungen und mentalen Strukturen schaffen Karma und führen so zur wiederholten Inkarnation. Nach dem Tod können sich noch nicht erloschene mentale Kräfte und Triebe in einer oder mehreren Existenzen neu inkarnieren (Rinpoche, Lama Karta, Wikipedia). Der wiederkehrende Geist ist vergleichbar mit der Seelenwanderung anderer Religionen.

Hebräische Bibel, Judentum und Kabbalah

„Und es bildete Jahwe Gott den Menschen aus Bestandteilen des Erdbodens und er hauchte in seine Nase den Atem des Lebens – und es geschah: Der Mensch wurde zur lebendigen Seele.“ (Genesis 2,7)
Das Seelenbild der hebräischen Bibel ist in vielen Aspekten anders als die christlich-abendländischen Vorstellungen. Im Hebräischen werden für Seele zwei Namen gebraucht: Nefesch (auch: näfesch) und Ruach; im Judentum und in der Kabbalah wird als dritte Seelenkraft Neschamah genannt. Alle drei Begriffe bezeichnen ursprünglich den Atem. Diese drei Seelenanteile werden auch den Tieren zugeschrieben.
Nefesch ist als Anima vegetativa die Lebenskraftseele, der Lebensatem, den Gott seinem aus Erde geformten Geschöpf Adam in die Nase einblies. Nefesch ist die Lebenskraft, die den Menschen beim Tod verlässt. Im weitesten Sinne steht Nefesch auch für den gesamten Menschen. Der Mensch hat nicht eine nefesch, er ist nefesch.
Ruach oder ru´ach, das sich von „Hauch“ ableitet, bedeutet Sinn und Geist, der „Geist Gottes“ oder Anima animalis, der Lebensgeist. Ruach ist der göttliche Hauch, der aus dem Menschen ein handelndes Wesen macht. Neschamah ist die Vernunft, die Denkseele, die höchste Seelenkraft.
Die rabbinischen Theologen vertraten widersprüchliche Vorstellungen von der Seele. Einerseits wurde sie mit dem Leben und der Person gleichgesetzt, andererseits war die Seele ein unabhängig vom Körper existierendes Wesen. Die Pharisäer glaubten an eine Auferstehung, die Sadduzäer bestritten Unsterblichkeit und Auferstehung.
Die Begriffe Ruach und Nefesch spiegeln auch das Menschenverständnis der hebräischen Bibel wider: Das Verhältnis zu Gott ist das Wichtigste.
Im Judentum wird das Vorhandene immer wieder in einen größeren Wirkungszusammenhang gestellt. So stellt die Seele bzw. der Intellekt das verbindende Element zwischen den geistigen Seinsstufen und der materiellen Existenz dar. Selbsterkenntnis ist daher gleichzeitig auch das Erkennen des Kosmos und der Gottheit.
Die Kabbalah spiegelt die neuplatonische Denkweise. Sie lehrt, dass die Seele wie in der griechischen Tradition aus drei Seelenkräften besteht: Die Anima vegetativa als Lebenskraft, die Anima animalis als Geist und die Anima intelligibilis als Vernunft. Die Seelenkräfte sind höheren Ursprungs. Die individuelle Seele kommt aus der Weltseele und ist daher jenseitigen Ursprungs, präexistent und unsterblich. Die Seelen der noch nicht geborenen Menschen warten auf ihre Inkarnation.
Seit dem 12. Jahrhundert findet sich auch die Seelenwanderung, also die Reinkarnation, in der Lehre der Kabbalah. Die Seele wandert zur Läuterung durch die Leben, um würdig zu werden und zu ihrem Ursprung zurückzukehren.
Die Einzelseele wird in der kabbalistischen Sprache als Lichtfunke bezeichnet, der aus dem „oberen Licht“ stammt. Sie stellt eine einzigartige Verbindung zwischen der irdisch-materiellen Seinsstufe und den geistigen Mittelstufen her, zwischen der diesseitigen Welt und der jenseitigen Gottheit. In der Kabbalah findet sich auch das Bild der Seelenvögel, die vom Weltbaum auffliegen (Hinterhuber S.77ff, Wikipedia).
Der Talmud lehrt, dass Gott eine bestimmte Anzahl von Einzelseelen geschaffen hat und sie im Himmel in einem „Seelenbehälter“ aufbewahrt. Von dort werden sie vor der Geburt entnommen; nach dem Tod werden sie im Garten Eden oder in einem anderen Behälter bis zum Endgericht aufgehoben.
„Alle Seelen sehnen sich nach ihrem Urgrund, denn des Menschen Seele ist Gotteslicht.“ Mose ben Jacob ibn Ezra (Hinterhuber S.77ff)
Auch die Essener von Qumran glaubten nach einem Bericht des Flavius Josephus an eine unsterbliche, feinstoffliche Seele, die schon vor der Geburt bestand, im Körper wie in einem Gefängnis lebt und nach dem Tod wieder frei wird (Hinterhuber S. 80, Wikipedia).

Neues Testament und Christliche Lehre

„Fürchtet euch nicht vor denen, die wohl den Leib töten können, aber nicht die Seele“ (Matth 10,28).
Das Neue Testament bezeichnet den Menschen als Wesen aus Leib, Geist und Seele. Für Seele wird der griechische Begriff Psyche benutzt, auch wenn der Begriff an einigen Stellen mit „Leben“ oder „Person“ übersetzt werden kann. Anders als die alttestamentliche nefesch ist die neutestamentliche Psyche immateriell. Sie existiert unabhängig vom Leib und kann nicht getötet werden (Matt 10,28, Offb 6,9, Offb 20,4, 1 Thes. 5,23).
Ab dem 2. Jahrhundert beschäftigten sich einige Kirchenväter intensiv mit dem Begriff der Seele. Sie gingen davon aus, dass die Seele bzw. der Geist nach dem Tode weiter existiert. Wegen der Auferstehungslehre bestanden sie aber darauf, dass auch im Jenseits eine Verbindung von Leib und Seele besteht. Während die Strömung des Generatianismus die Meinung vertrat, dass die Seele mit dem Zeugungsakt der Eltern entsteht, nahm Origenes (+ um 253/254) an, dass Gott am Anfang alle Seelen gleichzeitig erschuf und sie, je nach ihrer Treue, den Körpern von Dämonen, Tieren, Menschen oder Engeln zuteilte. Diese Vorstellung wurde jedoch auf dem Konzil von Konstantinopel verworfen (Hinterhuber, Wikipedia).
Augustinus (354-430), einer der größten lateinischen Kirchenlehrer des christlichen Altertums, hat sich nach seiner Bekehrung zum Neuplatonismus und zum Christentum bis in seine letzten Schriften intensiv mit dem Wesen, den Fähigkeiten, dem Ursprung und dem Sitz der Seele auseinandergesetzt. Für ihn ist jeder Mensch eine Konzentration der gesamten geschaffenen Welt. Ausgehend vom Genesis-Wort, dass der Mensch ein Ebenbild Gottes ist, gliedert er die Seele des Menschen, die für ihn nicht körperlich ist, in drei Teile: Die vernunftbegabte, die empfindende und die vegetative. Mit den Engeln, die zur Sünde unfähig sind, teilt der Mensch die vernunftbegabte Seele und das geistige Leben, mit den Tieren teilt er die empfindende Seele und das sinnliche Leben, mit den Pflanzen das Wachstum und die anderen vegetativen Eigenschaften, mit den leblosen und anorganischen Dingen hat er das Sein gemeinsam. Die Wirklichkeit ist für Augustinus hierarchisch geordnet. Die oberste Stufe der endlichen Welt bildet der Geist, die Vernunft, von Augustinus als „mens“, „anima rationalis“ und gelegentlich auch als „animus“ bezeichnet. Durch die Geistseele überragt der Mensch die gesamte geschaffene Natur und hebt ihn auf den Gipfel der Schöpfungshierarchie. Über den Geist, „das Haupt und Auge der Seele“, steht der Mensch in unmittelbarer Verbindung mit den unsichtbaren und unveränderlichen Ideen, Formen und Wesenheiten, ohne die keine Erkenntnis, aber auch keine Erfahrungserkenntnis möglich ist. Dieses Unveränderliche, Ewige kann nicht durch sinnliche Erfahrung, nicht durch die Augen des Körpers erfasst werden. Die Vernunft ist das geistige Auge. Nur durch übersinnliches Wahrnehmungswissen können die Erfahrungen der sinnlichen Welt in Erkenntnisse transformiert werden. Der Geist ist der Ort, in dem die Seele die Ewigkeit kognitiv-rezeptiv berühren kann. Die Seele nimmt für Augustinus eine Mittelstellung zwischen Gott und der leblosen Materie ein. Blickt die Seele abwärts, so schaut sie auf ihren Leib und in die unbeseelten Dinge. Blickt die Seele aufwärts, so erblickt sie Gott. Sie gibt dem, was unter ihr ist, Leben und sie selbst erhält ihr Leben von oben, von Gott, dem „Leben der Leben“. Doch nicht der ganze Mensch ist Abbild Gottes, sondern nur sein Geist, das höchste Vermögen der Seele. Daher ist der Geist „die Würde der Seele“. Dieses Menschenbild führt dazu, dass Leib und Seele wie Knecht und Herr, wie Werkzeug und Wille, wie Gefäß und Inhalt zueinander stehen (Hinterhuber 92ff. Jütemann 57ff.)
Auch die Seelenvorstellungen der Kirchenväter Dionysios Areopagita und des Bischofs Nemesios von Emesa sind von der platonischen Denkweise beeinflusst. Im 12. Jahrhundert griffen einige Theologen wie Abaelard, Wilhelm von Conches und Thierry von Chartres die platonische Idee der Weltenseele auf. Sie identifizieren die Weltenseele mit dem Heiligen Geist. Diese Theorie wurde allerdings auf Veranlassung von Bernhard von Clairvaux kirchlich verurteilt. Die Vorherrschaft der platonischen Seelenauffassung endete, als im 12. Jahrhundert die Schrift De anima des Aristoteles ins lateinische übersetzt wurde. Dadurch entstand jedoch das oft erörterte Problem, das Unsterblichkeitskonzept mit dem aristotelischen Seelenverständnis zu verbinden. Der Dominikaner Thomas von Aquin vertrat die Meinung, dass Seele und Körper zusammen gehören und die Seele die einzige Form des Körpers sei. Der Leib kann nicht ohne die Seele existieren, er ist Ausdruck und Dasein der Seele. Die Seele hingegen ist zwar mit dem Körper verbunden, kann jedoch auch getrennt von ihm existieren (Hinterhuber, Wikipedia).
Die Glaubenslehre der Christlichen Kirche hat immer wieder die Einheit des Menschen aus Leib und Seele verteidigt und sich gegen eine einseitige materialistische wie auch gegen eine einseitig spiritualistische Deutung gewehrt. Das Menschen- und Seelenbild der Katholischen Kirche der Gegenwart wird vom 2. Vatikanischen Konzil definiert: „Der Mensch ist in Leib und Seele einer.“ Die Evangelischen Kirchen vertreten die Auffassung der Dreiteilung des Menschen in Geist, Körper und Seele, die bis zum Tod eine ungetrennte Einheit bilden. „Des Menschen Seele ist der unsterbliche und den Tod überdauernde Geist.“ Martin Luther vergleicht die Seele mit einem Tempel, in dem sich drei Bezirke befinden: Das Allerheiligste ist Gottes Wohnung, für den Menschen nicht erreichbar. Wille und Verstand befinden sich im lichtdurchfluteten Sanktum, der Körper ist das für alle sichtbare Atrium (Hinterhuber S.101f). Auch nach der Auffassung der Orthodoxen Kirchen ist der Mensch eine unteilbare Einheit aus Geist, Seele und Körper. Der Weg des Menschen ist die Vereinigung mit der göttlichen Gnade und die Vergöttlichung des Menschen (Hinterhuber S.103f).

Koran und islamische Mystik

Im Koran beschäftigen sich drei Suren mit der Seele des Menschen, in denen das Wort nafs, das Selbst, die Person verwendet wird. Aber auch das Wort ru, das ursprünglich Atem oder Wind bedeutet, taucht auf und bezeichnet den Hauch, den Atem, den Gott Adam einbläst. Ru wird auch den auserwählten Geschöpfen verliehen, die göttliche Botschafter sind.
Bei den muslimischen Philosophen findet sich die Vorstellung, dass die Seele aus dem Einen hervorgeht und mit Intellekt begabt, immateriell, unzerstörbar, unsterblich und nicht zwingend an den Körper gebunden ist. Über die Körperlichkeit der Seele bestehen unter den muslimischen Theologen unterschiedliche Ansichten. Während einige die Seele als eine unkörperliche, rein spirituelle Substanz ansehen, die über Wissen und Wahrnehmung verfügt, halten andere die Seele für körperlich. Auch hinsichtlich der Präexistenz gehen die Meinungen auseinander. Es gab auch die Auffassung, dass die menschlichen Seelen einer Weltseele (al-nafs al kulliyya) entstammen und dass sie an ihr teilhaben (Hinterhuber, Wikipedia).
Im Hadith, in dem die Sprüche des Propheten überliefert sind, wird beschrieben, wie und wann dem Embryo die Seele eingehaucht wird: Vier Monate vor der Empfängnis erscheint ein Engel vom Himmel und flüstert dem werdenden Menschen einige Wörter zu, die dann die Qualität des Erdenlebens festlegen und die Lebensdauer, Wohlstand oder Armut, Leistung oder Versagen und Glück oder Unglück bestimmen (Hinterhuber S. 111).

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