Über das Seminar - Schöpfungsmythen
Schöpfungsmythen beantworten die Frage
des Menschen „Wo komme ich her?“, „Wie ist
die Welt entstanden?“ Die Frage nach dem Ursprung der Erde und des Himmels und nach dem
Ursprung des Menschen ist wohl so alt wie die Menschheit. Als ältester bekannter Schöpfungs-
mythos gilt die Erzählung der Sumerer aus dem Zweistromland. Er fand sich auf einer Keilschrift-
tafel aus der Zeit 2000 v. Chr. Die ursprüngliche Fassung des babylonischen Schöpfungsmythos
entstand wohl im 19.-17. Jahrhundert v. Chr.
Alle Schöpfungsgeschichten geben eine Antwort
auf die Entstehung der Welt und der
Geschöpfe. Auch wenn sie unterschiedlich sind und mit großen Entfernungen voneinander
auftreten, weisen sie eine erstaunliche Ähnlichkeit auf. Fast immer sind die Elemente im Spiel
und meist wird vor dem Auftreten der Elemente eine offene Leere, das Chaos, die Dunkelheit
oder das Nichts beschrieben. Fast überall schafft ein Urwesen jenseits von Raum und Zeit,
jenseits von Anfang und Ende meist durch das Wort aus einem Ur-Chaos oder dem Nichts
einen Kosmos. Das Urwesen ist oft einfach da, oft geht es aus dem Nichts hervor.
>Es schafft eine Ordnung, einen Kosmos und die Erde, auf der Menschen leben und ihren Weg antreten können. Der Urzustand, aus dem der Kosmos geschaffen wird, heißt bei den Ägyptern Nun, bei den Druiden Arweyyn, bei den Germanen Ginnungagap, bei den Buddhisten die Leerheit, bei den Lakota (Sioux) Hanhepi. Andere Kulturen beschreiben den Urzustand als in Finsternis getauchtes Wasser, eine formlose Masse, als vermengtem Ganzen, in dem die Abgrenzung nicht möglich ist. Dieses Ur-Chaos enthält bereits den ganzen Rohstoff, der für die Schöpfung gebraucht wird (Steinwede).
Der Mensch entsteht oft als leblose Form, die erst durch den göttliche Atem oder einen göttlichen Funken belebt wird. Erst durch den Atem Gottes, Sinnbild für den Geist Gottes, wird der Mensch zum lebendigen Wesen. Die Form steht für den Körper, das belebende Element symbolisiert den Geist oder die Seele.
In vielen Kulturen wird beschrieben, dass die Schöpfung durch das Wort oder besser durch die Schwingung des Wortes erschaffen wird. Im Johannisevangelium (1,1.3) heißt es: „Am Anfang war das Wort. Das Wort war bei Gott. Und Gott war das Wort. Alle Dinge sind durch das Wort gemacht“. Ähnlich wird es auch im Schöpfungspsalm aus den Höhlen von Qumran am Toten Meer beschrieben. Die Erschaffung durch das Wort findet sich in einem Hymnus an den Mondgott Sin der Stadt Ur aus dem 2. Jahrtausend v. Chr., in Tahiti ist es Ta´aroa, der ruft, bei den Maori in Neuseeland Io, der die Worte spricht: „Dunkelheit erfülle dich mit Licht“ und das Licht erschien. „Licht, erfülle dich mit Dunkelheit“ und sogleich sind Licht und Dunkelheit verwoben. Der Schöpfergott ist oft bereits da. Für ihn gibt es keinen Anfang. Um ihn herum ist es leer und dunkel. Es gibt nichts oder das Nichts, die Leerheit, in der alles bereits vorhanden ist, jedoch ohne Form, ohne Licht. Diese Leerheit wird deshalb meist auch als Dunkelheit beschrieben. Doch wie der Mythos von Io zeigt, ist diese Dunkelheit nicht die Dunkelheit der Dualität. Sie ist der Urgrund allen Seins. Aus der Leerheit werden das Licht und das Dunkel der dualen Welt erschaffen.
In Indien ist es Brahma, der am Anfang unabhängig von Raum und Zeit im formlosen Reich der Gedanken einen Laut erzeugt, der über das Nichts hinaus schwang, auf sich selbst zurückkehrte und dann Wasser und Wind entstehen ließ, die dann miteinander spielend den nebelartigen Leib der Welt erschufen. In Ägypten hieß es, dass Amun inmitten des Schweigens zu sprechen begann. Sein Ruf erschallte und brachte die Geschöpfe zur Welt und bewirkte, dass sie leben (nach einem Hymnus aus dem 15 Jahrhundert v. Chr.). In Memphis in Unterägypten heißt der Schöpfergott, der alles, was erdacht wurde, durch die Kraft seiner Worte ins Leben rief, Ptah. Viele der Schöpfungsmythen sind Schöpfungslieder, vom Edda-Lied der nordischen Voluspá bis zu den Guaraní-Indianern Südamerikas (Steinwede S.15ff).
Nach dem japanischen Mythos waren am Anfang Himmel und Erde, Izanagi und Izanami, nicht getrennt. Zusammen bildeten sie ein Chaos, das einem Ei glich, in dessen Mitte sich ein Keim befand. Es gab noch nicht die beiden getrennten Prinzipien Männlich und Weiblich, sondern beide bildeten eine vollkommene Ganzheit. Die Trennung zwischen Himmel und Erde ist der Schöpfungsakt, das Zerbrechen der anfänglichen Einheit. Der Urzustand, der einem Ei gleicht, findet sich auch in China, Indien, Indonesien, Polynesien und Afrika. In den sibirischen und indonesischen Mythologien legt das Höchste Wesen in Form eines Vogels das Ei, aus dem später die Welt entsteht, auf die Urgewässer (Steinwede S.21).
Der geschaffene Mensch wird oft aus Erde geformt und durch den Atem des Schöpfers zum Leben erweckt, so wie es auch in der Bibel beschrieben ist: „Da bildete Jahwe den Menschen aus dem Staub der Ackererde und blies ihm den Lebensodem in die Nase; so wurde er zu einem lebenden Wesen.“ (Genesis 2, 4b). „Zuerst schuf er den Menschen aus Ton. Er formte ihn und blies ihm von seinem Geist ein,“ (Koran, Sure 32, 7.9). Im Schöpfungspsalm der Qumran-Schriftrollen heißt es „Und er schuf Adam und sein Weib, durch seinen Atem richtete er sie auf.“ (Steinwede S.31ff.) Bei den Tschuktschen im Nordosten Sibiriens heißt es: „Die Schöpfer nahmen Hände voll Erde, hauchten diese an und formten die grashaarigen Menschen.“
Ähnliches findet sich bei den Maori in Neuseeland, bei den Yoruba im Südwesten Nigerias, bei den Azteken, bei den Hopi in Arizona, bei den Winnebago, einem Indianervolk im heutigen Wisconsin. Bei den Dogon, einem afrikanischen Bauernvolk, zeichnen die beiden Schöpfergötter die Umrisse des männlichen und weiblichen Körpers auf die Erde und hauchen ihren Atem in diese Umrisse. So entstanden die Ahnen des Dogon-Volkes. Aber auch durch das gesprochene Wort kann die geschaffene Menschengestalt zum Leben erweckt werden, wie im Schöpfungsmythos der Suaheli in Afrika (Steinwede S.103).
Bei den Winnebago-Indianern gibt der Schöpfergott dem Menschen nacheinander Verstand, Zunge und Seele. Aber erst, als er ihm seinen Atem einhaucht, kann er verständlich reden. Bei den Hopi wird der aus Lehm geschaffene Körper durch den Gesang des Schöpfungsliedes belebt.
Bei den Azteken wird der Mensch aus Mais und dem Blut eines Gottes geschaffen; auch hier wird ihm Atem eingehaucht, um ihn zum Leben zu erwecken. Auch bei den Quiché-Mayas in Guatemala wird der Mensch aus Mais erschaffen.
Damit erschaffene Menschen wirken können, brauchen sie eine beständige Verbindung zur Schöpfergottheit. Sie findet sich in Ritualen und oft auch in einer „verbindenden Achse“, in einem heiligen Baum wie der Weltenesche Yggdrasil der Nordgermanen, dem „Baum der Ahnen“ auf der Insel Samoa in Mikronesien, dem Sonnenbaum beim Sonnentanz der Sioux-Indianer oder dem heiligen Pfahl Kauwa-auwa der australischen Ureinwohner Achilpa (Steinwede). Als heiliger Pfahl findet sich die kosmische Verbindung auch in Melanesien, Indonesien, Nord- und Südamerika. In Nord- und Zentralasien glaubt man, dass die Schamanen mittels eines Baumes oder eines Pfahls in den Himmel klettern (Eliade S.17).
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