Geschichte der Seele im Abendland
Der Begriff Seele findet sich in den unterschiedlichen religiösen, mythischen, philosophischen und psychologischen Traditionen und Lehren. Im Verlauf der Geistes-, Kultur- und Wissenschaftsgeschichte war er wichtig für die Erklärung von Mensch, Natur und Welt. Was unter Seele verstanden wurde und wird, ist allerdings sehr unterschiedlich. Doch trotz der Unterschiede gibt es eine Übereinstimmung: Die Seele weist über die Materie und die materielle Welt hinaus und sie hat keine Substanz. Sie ist immateriell.
Im heutigen Sprachgebrauch ist mit Seele oft die Gesamtheit aller Gefühlsregungen und geistigen Vorgänge beim Menschen gemeint, also das, was in der Psychologie Psyche genannt wird. Seele nach spiritueller Auffassung meint ein immaterielles Prinzip, das vom Körper und vom physischen Tod unabhängig ist und den Tod überdauert. Sie ist die Identität eines Individuums während eines oder mehrer Leben. In den Religionen werden die Begriffe Seele und Geist oft gleich gesetzt.
Die Seele im religiösen und spirituellen Sinn umschließt das Göttliche im Menschen und ist Mittlerin zwischen Gott und lebloser Materie. Sie ist Lebensprinzip, Lebensodem, Lebenskraft. In den Schöpfungsmythen vieler Völker haucht Gott dem erschaffenen Körper seinen Atem ein und erweckt damit den Körper zum Leben. So ist die Seele der göttliche Funke im Menschen. Und nicht nur im Menschen, sondern in der gesamten Schöpfung. Daher trifft man auch auf den Begriff „Weltenseele“.
Als Bilder für die Seele finden sich in vielen Kulturen und Religionen Atem, Hauch, Feuer und Flamme.
Ein Blick in die Geschichte des Abendlandes zeigt, dass die Seele lange Zeit ein wichtiger Bezugspunkt des Denkens über den Menschen, seine Natur und die Welt war. Durch die Betrachtung der Geschichte des Seelenbegriffes im Abendland wird verständlich, weshalb seine Leuchtkraft verloschen ist und welche Folgen das hat.
Nach antiker und mittelalterlicher Auffassung ist die Seele der Funke des objektiven göttlichen Logos. Sie ist das im Individuum versenkte Göttliche, das zu seinem Ursprung zurückstrebt. Ihre Aufgabe ist nicht, sich selbst, das Individuum und das Menschsein zu begreifen, sondern Gott und die absolute Wahrheit zu erkennen.
Der griechische Begriff für Seele ist Psyche, was ursprüngliche Hauch oder Atem bedeutet. Die ersten Belege für dieses Wort finden sich im 8. Jahrhundert in den homerischen Epen Ilias und Odyssee. Homer verwendet den Begriff Psyche für den Anteil des Menschen, der Träger des Belebtseins ist. Beim Sterben verlässt dieser Teil den Körper und hinterlässt den Körper ohne Leben, die Leiche, die als Soma bezeichnet wird: „Die Seele wird ausgehaucht, verlässt den Menschen durch den Mund, aber auch durch Wunden und fliegt zum Hades“. Die emotionalen und mentalen Anteile des Menschen, die heute Psyche genannt werden, nennt Homer Thymós und Nous oder nóos. Sitz der Thymós ist Zwerchfell oder Brust, die Psyche hat laut Homer keinen bestimmten Sitz im Körper. Auch Tiere haben nach Homer eine Psyche, also eine Seele, die beim Tod oder bei der Schlachtung entweicht.
Im 5. und 6. Jhd.v.Chr. wandelt sich die Bedeutung der Begriffe Psyche und Soma. Psyche schließt nun die denkende und fühlende Kraft, den Bedeutungsgehalt von Thymós mit ein. Psyche wird zum Ausdruck für die Kraft, die den Menschen „beseelt“, am Leben hält, die Gefühle erzeugt und Überlegungen anstellt. Der Begriff Soma wird nun für den lebendigen Körper verwendet. Heraklit trennt Seele und körperliche Funktionen. Für ihn hat die Seele eine stoffliche Qualität, er beschreibt sie als Feuer. Gott und Feuer sind für ihn identisch. Die Seele bewegt sich zwischen den gegensätzlichen Zuständen wässrig und trocken hin und her. Ist sie trocken und feurig, befindet sie sich in der bestmöglichen Verfassung und ist weise. Durch Untugenden wie Trunkenheit wird sie feucht und büßt die Fähigkeit des Verstehens ein (Wikipedia, Hinterhuber S.35).
Pythagoras (+497) und die Pythagoreer entwickeln zwei Theorien über die Seele, die beide die Seele als Harmonie beschreiben: Die erste, ursprüngliche, die vermutlich von Pythagoras selbst stammt, besagt, dass die unsterbliche Seele eine Harmonie oder eine harmonische Abstimmung abstrakter Zahlen darstelle. Diese Zahlen und ihre harmonischen Beziehungen existieren vor der Entstehung des Körpers und sie überdauern ihn auch. Diese präexistente Zahlenharmonie organisiert den Körper und das Leben. Die zweite Theorie, die dem Simmias, einem Phythagoreer zugeschrieben wird, besagt, dass die Seele im Körper eine Harmonie erzeugt, so dass der Körper wie eine harmonische, wohlgestimmte Leier funktioniert. Jedoch vergeht die Seele mit dem Körper, genauso wie der Wohlklang der Leier verschwindet, wenn die Leier zerbricht (Hinterhuber S. 35f).
Sokrates (470-399) vertritt die Auffassung, dass es eine vorrangige Aufgabe im Leben des Menschen ist, sich um die Entwicklung und das Wohlergehen der Seele zu kümmern. Das Wohlergehen der Seele, die Einsichtsfähigkeit des Menschen und sein Zugang zur Wahrheit hängen für ihn zusammen.
Für Platon (427-347) ist die Seele immateriell und unsterblich, ein körperunabhängiges Lebensprinzip. Sie existiert unabhängig vom Körper und schon vor dessen Entstehung. Der Körper ist ein vergängliches Vehikel, dessen die Seele sich bedient, ohne von ihm abzuhängen. Seele und Körper sind von der Beschaffenheit und vom Schicksal her völlig verschieden. Sie treten und wirken nur zeitweise zusammen. Platon bezeichnet den Körper sogar „als Grab der Seele“. In mehreren Mythen beschreibt er das Leben der Seele im Jenseits, das Seelengericht und die Seelenwanderung.
Platon unterscheidet drei wesensverschiedene Teile der Seele: Den vernunftbegabten (logistikón) mit Sitz im Gehirn, den begehrenden (epithymetikón) mit Sitz im Unterleib und einen muthaften (thymoeides) mit Sitz in der Brust. Der muthafte Teil ordnet sich leicht der Vernunft unter, der begehrende neigt dazu, sich zu widersetzen. Daraus entsteht der innere Konflikt des Menschen. Zur Verdeutlichung wählt er das Bild eines Pferdewagens: Die Vernunft muß als Wagenlenker ein Gespann aus den zwei unterschiedlichen Pferden Willen und Begehren lenken. Das widerwillige Ross (das Begehren, die Triebe) muss er bändigen, damit jeder Seelenanteil seine Funktion richtig erfüllen kann.
Platon nimmt an, dass die Erkenntnisse des Menschen Wiedererinnerungen an die vor der Verkörperung geschauten Ideen sind. Die Entwicklung der Seele im Körper besteht nicht darin, dass die Seele etwas Neues und Fremdes von außen aufnimmt, sondern darin, dass sie sich an ein Wissen erinnert, das sie bereits besaß, aber über das sie im Diesseits bisher nicht bewusst verfügen konnte. Dieses Wissen, die Kenntnis der Ideen und aller Dinge hat sie aus ihrem vorgeburtlichen Dasein an einem „überhimmlischen Ort“, aus früheren Erdenleben und aus ihren Erfahrungen in der Unterwelt mitgebracht. Die Seele ist in der Lage, sinnlich nicht wahrnehmbare Erkenntnisse und Ideen wie „das Gerechte, das Schöne oder das Gute“ zu erfassen. Sie wird geschädigt durch Bosheit, ein durch Unwissenheit bedingtes Handeln gegen die eigene Natur. Ihr Schicksal hängt von ihren ethischen Entscheidungen ab. Deshalb ist es wichtig, die Erkenntnis zu fördern. (Wikipedia, Jüttemann)
Platon sieht auch das Universum als „lebenden, mit einer Seele ausgestatteten Körper“ und der Begriff „Weltseele“ findet sich somit im Platonismus, im Neu-Platonismus und in der Stoa. Platon gründet 385 v.Chr. seine Schule, die Akademie heißt. Die Schule Platons hatte Bestand bis zur Schließung durch Kaiser Justinian im Jahr 529 n.Chr. Ihre Lehren hatten jedoch Wirkung bis ins Mittelalter und die Renaissance.
Augustinus hat aus platonischen und nachplatonischen Lehren zusammen mit christlichem Dogma eine eigene Philosophie geschaffen (Jüttemann, S.43). Neuplatoniker vertreten die Auffassung, dass die Seele an der Nahtstelle zwischen geistiger und materieller Welt steht.
Auch die gnostische Lehre fußt auf der Ansicht Platons, dass die Seele von Ewigkeit her existiert, vollkommen war und sich der Nähe Gottes erfreute. Als Gnosis oder Gnostizismus wird eine religiöse Lehre des 2. und 3. Jahrhunderts bezeichnet, aber auch Lehren früherer oder späterer Zeit, die dieser ursprünglichen Lehre ähnlich sind. Gnosis bedeutet Erkenntnis im allgemeinen Sinn. Gnostiker waren der Überzeugung, dass dem Menschen direktes, persönliches und absolutes Wissen auf intuitive Weise zugänglich ist und dass die Erlangung solchen Wissens die höchste Erfüllung des menschlichen Lebens bedeutet.
Die Gnostiker gehen davon aus, dass die Seele, nachdem sie sich aus Gottes Nähe getrennt hat, durch viele Leben wandert und schließlich zu Gott zurückkehrt. Der wahre Mensch ist der Mensch ohne seinen irdischen Körper. Askese und Ablehnung der Sexualität sind Wege, sich von dem in der Dualität verhafteten Anteil zu trennen. Das Zentrum des wahren Menschen ist die nach innen und zum göttlichen Licht gewandte Seele. Oft werden die Aussagen der Gnostiker als Weltflucht und Ablehnung des irdischen Lebens interpretiert. Die Trennung von Gott gilt als Sturz in die Dualität, weil die Seele abtrünnig wurde. Nun muß sie zur Strafe durch die vielen irdischen Leben gehen, um gereinigt zu werden. Alles Materielle gilt als niedrig und verabscheuungswürdig und muss daher überwunden werden. Gut ist allein der überirdische Logos und mit ihm der Geistfunke oder Lichttropfen im Menschen (Gosztonyi, Jüttemann S.77). Es gibt jedoch auch eine andere Interpretation der gnostischen Schriften: Der irdische Mensch ist nur ein Teil des ganzen Menschen. Der ganze Mensch ist ein Doppelwesen, bestehend aus dem irdischen Teil, der nur eine Projektion in die irdische Welt ist und dem „Lichtmenschen“, der als göttlicher Gedanke Teil des geistigen Reiches, der höchsten Ebene ist. Ein Teil des Lichtmenschen ist im menschlichen Körper als „Lichttropfen oder Geistfunke“ wie in einem Gefängnis eingeschlossen. Die Aufgabe des Menschen ist nicht, der Welt der Dualität zu entfliehen, indem er das Materielle verdammt, das Böse meidet und sich dem Licht zuwendet sondern indem er erkennt, dass die irdische Welt nur ein Schatten ist, eine Projektion, die nicht wirklich existiert. Dadurch kommt der Lichttropfen wieder mit der ursprünglichen Welt in Verbindung und kann dann das irdische Leben nach den Mustern der göttlichen Urbilder gestalten (Dietzfelbinger).
Die Seelenlehre des Aristoteles (384-322) findet sich in seinem Werk „Über die Seele“ (De anima). Für ihn ist die Seele nicht ein überindividueller Anteil der Lebewesen, sondern ein immaterielles Formprinzip, ein zweckgerichtetes, sich selbst realisierendes Bewusstseinsprinzip, das in jedem Lebewesen den Körper belebt und zusammen hält. Körper und Seele bilden eine untrennbare Einheit, ihr Sitz im Menschen und höheren Tierarten ist das Herz. Sie ist zwar Ursache der Bewegung, aber selbst unbewegt. Aristoteles unterscheidet drei Formen der Seele: Die nährende Seele, die sensorische Seele und die rationale Seele. Die nährende, vegetative Seele findet sich bei allen Organismen, auch bei Pflanzen. Sie ist zuständig für Ernährung, Wachstum und Fortpflanzung. Die sensorische Seele ermöglicht Wahrnehmung, Fortbewegung und Strebevermögen und findet sich nur in Tieren und Menschen. Sie enthält auch die Begierden und Gefühle, die aber von der Vernunftseele des Menschen überformt werden können. In der Vernunftseele wird der Trieb zum Willen, die Wahrnehmung oder die Vorstellung zur Erkenntnis. Die rationale oder vernünftige Seele, die nur der Mensch besitzt, bezeichnet Aristoteles als Nous oder Geist. Sie kommt von außen in den Menschen hinein, ist unsterblich, sich seiner selbst bewusst und vom Körper unabhängig. Die rationale vernünftige Seele ist sowohl möglicher als auch tätig wirkender Intellekt. Erst durch die vernünftige Seele wird es dem Menschen möglich zu denken. So entsteht die menschliche Denkseele, die alle anderen Formen der Seele in sich aufnehmen kann. Ihre Erkenntnis gewinnt sie nicht wie bei Platon durch Erinnerung an die jenseitige Welt, sondern aus Sinneswahrnehmung und Abstraktion im Diesseits. Sinneswahrnehmung und Emotionen sind Phänomene der Sinnenseele (anima sensitiva). Nach Aristoteles ist der Körper das Werkzeug der Seele. Die Seele kann sich nur über den Körper äußern und ist daher nur durch den Körper erkennbar. Durch die Erforschung des Körpers kann man auch die Seele erforschen. Somit wird sie „Sache des Naturforschers“ und ist Gegenstand von Physik und Physiologie. Die Vorstellungen von Aristoteles gelten daher als der Ursprung der empirischen, naturkundlichen Psychologie, die vor allem im 13. Jahrhundert begann.
Die Existenz von Körper und Seele (einschließlich des möglichen Intellekts) endet für Aristoteles mit dem Tod. Allerdings bleibt der aktive Intellekt, der rationale aktive Nous vom Tod unberührt, da er eine vom physischen Organismus getrennte, unvergängliche und leidensunfähige geistige Kraft ist, die von außen in den Menschen kommt (Wikipedia, Hinterhuber, Jünemann).
Um 205-270 n.Chr. erneuert Plotin die platonische Philosophie und verbindet sie mit aristotelischen, stoischen und gnostischen Gedanken. Nach Plotin stammt der Geist (Nous) aus dem Einen, aus dem wiederum die Weltseele hervorgeht. Es entsteht ein Kontinuum von Einem/Gott über Geist, die Weltseele bis hin zur körperlichen Welt. Wenn sich die Weltseele mit dem wahrnehmbaren Kosmos verbindet, entstehen die Einzelseelen. Die Einzelseele verlässt das Ganze und inkarniert im Körper, von dem sie sich wieder lösen muß, um zur Weltseele zurückzukehren. Der Mensch hat als einziges Wesen die Möglichkeit, sich sowohl nach unten zur Welt der Körper als auch nach oben zur Welt des Geistes zu wenden. Plotin war überzeugt, dass alle Seelen im Kontakt mit dem Göttlichen stehen (Hinterhuber, Jüttemann).
Im Mittelalter wird ein Seelenbild für das analphabetische Volk geschaffen. Die Seele ist nicht mehr der unsichtbarer Geist, der den Körper belebt, sie wird als Körper dargestellt. Sie wird zu einem eigenen Körper und existiert als zweiter Körper im menschlichen Körper. In den bildlichen Darstellungen, insbesondere zwischen dem 9. und 16 Jh. finden wir sie als kleinen nackten Menschen, der von Gott, von den Engeln oder von Christus aufgenommen und bekleidet wird. In Todesszenen findet man die Seele gelegentlich auch bekleidet, und zwar genauso wie der Sterbende. Sie entweicht aus dem Mund des Sterbenden und kehrt zu Gott zurück. Oft wird die Seele auch in Tiergestalt dargestellt: Als Hirsch, Lamm oder Vogel, insbesondere als Taube. Die Seele ist von Gott geschaffen und kehrt in „schneeweißer Reinheit“, „lichtüberzogen“, „von Engeln empfangen“ nach dem Tode des Körpers zu ihrem Schöpfer zurück, falls sie ihre Sünden nicht im Fegefeuer sühnen muß (Jüttemann S.6, S.97ff., Hinterhuber S.107). Die Vorstellung des Fegefeuers ist allerdings erst seit dem 12. Jahrhundert Bestandteil des theologischen Denkens (Jüttemann S.101).
Um die Seele zu reinigen, gründeten die reichen Herren Kapellen und Klöster. Die Bürger förderten ihre Seele durch das Armenalmosen. Im Mittelalter galten die Armen als Repräsentanten der verstorbenen Verwandten. Indem ein Mensch die Armen unterstützte, unterstützte er auch die Seelen der verstorbenen Verwandten. Unter anderem schufen die Bürger das „Seelenhaus“, ein Badehaus für arme Menschen. Baden im öffentlichen Bad der Stadt war im Mittelalter teuer. Eine besondere Stiftung ermöglichte es den Armen zu baden. Mit der Reinigung des Körpers wurde auch stellvertretend die Seele gereinigt. Daher wurde dieses Bad als Seelenbad oder Purgatorium bezeichnet, der Bademeister hieß auch Seelenmeister. Mit zunehmender Alphabethisierung und abstraktem Denken veränderte sich die körperhafte Seelenvorstellung zur Geist-Seele. Die Seele galt nun als geistige, nach dem Ebenbild Gottes geschaffene Substanz, deren Abbildung den Gläubigen vom Sichtbaren zum Unsichtbaren führen soll. Doch je mehr die Unsichtbarkeit und Ungreifbarkeit der Seele betont wird, desto schwerer ist sie zu erkennen.
Am Ende des Mittelalters, zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert, vollzog sich im kirchlichen Verständnis der Seele ein Wandel. Aus der kosmischen Seele wird eine individualisierte Seele. In dieser Zeit wird die bisher vorherrschende Kollektivbeichte durch die Einzelbeichte abgelöst. Der einzelne Mensch tritt dadurch aus dem Kollektiv des frühmittelalterlichen Personenverbandes heraus. Die Seelenforschung führt den Menschen dazu, das eigene individuelle Innere wahrzunehmen und zu erforschen. Die Einzelseele erlangt damit eine neue Bedeutung, sie wird zum eigenwertigen Kosmos. Im 16. Jahrhundert ist die Seele die große Vermittlerin zwischen Gott, dem unstofflichen, vollkommenen und unvergänglichen Reich des Geistes, das sich im stofflosen Raum befindet und der irdischen Existenz in der groben Hülle aus stofflicher, höchst unvollkommener und vergänglicher Materie. Da die unstoffliche Seele nicht direkt auf die Materie einwirken kann, braucht sie eine Unterstützung durch „Vermögen“ und „Instrumente“. Zu diesen Instrumenten zählt der „Spiritus“ der zeitgenössischen Medizin, der als Mittler zwischen der immateriellen Seele und dem Körper eingeführt wird. Als Spiritus werden die Kräfte bezeichnet, mit deren Hilfe die Seele auf den Körper einwirkt. Der Geist wird der Materie entgegengestellt. In der Seele werden auch die Kämpfe zwischen Gut und Böse, zwischen den himmlischen und dämonischen Kräften ausgetragen. Um zu entscheiden, welche Seele vom Bösen besetzt ist, wird von äußeren Zeichen auf das Innere des Menschen rückgeschlossen. So weisen besondere Verfehlungen in Ehe und Sexualität darauf hin, dass Dämonen die Seele besetzt haben und sie von Gott abfällt. Insbesondere die Inquisitition, zu deren Aufgaben das Erkennen solcher Glaubensabweichungen gehörte, setzte sich mit diesen Fragen auseinander (Jütemann S.6, S. 165ff, Hinterhuber S. 97).
Im Unterschied zu den Vorstellungen Platons und Plotins erscheint der Kosmos in der Renaissance grenzenlos. Die Weltseele wird zu einer unverzichtbaren, rationalen Erklärungsgröße. So wie im Organismus das Ganze in jedem Teil ist, so wird auch das Universum als beseelt angesehen. Alles ist mit allem in Beziehung, zwischen Mikro- und Makrokosmos besteht eine Korrespondenz. Die Seele wird das Prinzip, das im Großen wie im Kleinen wirkt und alle Dinge erschafft. Als die weltgestaltendeKraft ist sie unsterblich. Ob sie als individuelle Seele auch unsterblich ist, ist umstritten. Die Seele steht zwischen Gott und den Engeln einerseits und der Qualität und den Körpern andererseits. Der Seelenbegriff stellt nicht mehr eine Weltordnung im mittelalterlichen Sinne dar, er ist eine analytische Auffächerung der verschiedenen Leistungen der Seele. Gott und Engel bedeuten die Fähigkeit, Prinzipien und Universales zu erfassen; Qualität und Körper meinen die Fähigkeit, das konkret Sinnliche zu erkennen. So wird der Seele zunehmend die Substanz geraubt und sie wird nur noch in ihrer Funktion beschrieben. Das Gewissen gilt als Gewand der Seele (Jütemann S.6, S.180ff.)
In der Zeit der Aufklärung (17. und 18. Jh.) erhielt die Materie eine zentrale, alles bestimmende Stellung. Der Mensch wird ein materielles Wesen ohne Seele, dessen Ziel Selbstbehauptung ist. Für René Descartes (1596-1650) ist der Körper nicht mehr der Sitz der Seele, der Körper wird zur seelenlosen Maschine, die sich nach rein naturwissenschaftlichen Prinzipien bewegt und arbeitet. Die Seele ist vom Körper getrennt und hat keinen Einfluss mehr auf die Lebensvorgänge. Der menschliche Körper ist wie der anderer Lebewesen ein bloßer Automat, der durch die mathematische Naturwissenschaft erklärt werden kann. Selbst die Gefühle und die Leidenschaften sind materiell erklärbare Vorgänge. Der Mensch wird durch äußere Umstände zu dem, was er ist und nicht durch ein „immer schon fertiges Ding.“ Die Seele ist nicht länger der wahrhaft seiende Wesenskern des Menschen, der alle zeitlichen Erscheinungsformen überdauert, sondern ein Funktionsprinzip der Körperprozesse. Der ursprüngliche Begriff Seele wird durch den Begriff Geist ersetzt. Die Funktion der Seele ist nach Descartes das Denken. Geist und das „Ich-denke“ werden zum Zentrum des Menschen. Was im Mittelalter der göttliche Funke in jedem Menschen war, ist nun die subjektive Vernunft, mit der sich der Mensch behauptet. Ziel der menschlichen Gemeinschaft ist, vernünftige Verhältnisse mit Glückmöglichkeit für alle zu verwirklichen. Da durch den Autonomiegedanken das Konkurrenzdenken ansteigt, sollte mit Hilfe der Vernunft die Selbstliebe kontrolliert werden.
Der Begriff Seele kennzeichnet in der Aufklärung das gesellschaftliche Verhältnis, in dem der einzelne zur Allgemeinheit steht. Seele bezeichnet die Integrationskraft des einzelnen, die Gewähr der Einheit der Person ist. Schließlich entfällt der Seelenbegriff als immaterielle Lebenskraft in der modernen Natur- und Geisteswissenschaft völlig. Geistige Aktivitäten entstammen ausschließlich dem Verhalten der Nerven- und Gliazellen, den Atomen, Ionen und Molekülen. Nach Kants Auffassung sind Begriffe wie Seele, Welt, Gott regulative Ideen ohne objektiven Inhalt. Es geht um das Individuum, um Selbsterkenntnis und nicht um höhere Werte. Der Begriff Seele wird von der Aufklärung zur Metapher herabgesetzt und verkommt im 19. Jahrhundert zu Kitsch (Jütemann S. 8f, S. 121, S. 218ff., Hinterhuber S. 121ff).
Die Romantik des 19. Jahrhunderts stellt eine Gegenbewegung zur Entwicklung des Seelenbegriffes in der Aufklärung dar. Sie postuliert, dass das menschliche Wesen nicht allein auf Vernunft reduziert werden könne. Der Vernünftige begegnet unausweichlich den Seiten seiner Existenz, die nicht in die Ordnung der Vernunft passen, dem Traum, Schlaf, Unbewussten. Der Schlüssel zum Bewusstsein liegt im unbewussten Seelenleben. Der Begriff der „schönen Seele“ taucht auf, die ein Ergebnis von Bildung und Selbstreflexion ist.
Doch die Erklärungen der Naturwissenschaften im 19. Jh. brauchen keinen Gott und keine lebensspendende Seele. Und so orientiert sich auch die Psychologie an den Naturwissenschaften. Freuds (1856-1939) Begriff des Unbewussten bezeichnet einen dem Bewusstsein im allgemeinen nicht zugänglichen Bereich, der den entscheidenden Bezugspunkt der Psychoanalyse darstellt, die zu einer „Wissenschaft des Unbewussten wird“. Die Seele wird zur Psyche, der Funke Gottes zu verdrängten Erinnerungsbildern, die seelische Erkrankungen hervorrufen können. Der Begriff „Psychoanalyse“ vereinigt in sich zwei gegenläufige Hauptströmungen des 19. Jh. Psyche ist der Inbegriff des Irrationalen, Analyse ein rational-naturwissenschaftlicher Ansatz. Freud schreibt: „Es scheint mir ebenso mutwillig, die Natur durchwegs zu beseelen, wie sie radikal zu entgeistern. Lassen wir ihr jedoch ihre großartige Mannigfaltigkeit, die vom Unbelebten zum organischen Belebten, vom Körperlichlebenden zum Seelischen aufsteigt. Gewiss ist das Unbewusste die richtige Vermittlung zwischen dem Körperlichen und dem Seelischen, vielleicht das lang entbehrte ´missing-link`.“ (Hinterhuber S.142). Freuds Denkmodell orientiert sich an den Erkenntnissen der Naturwissenschaft der Wende vom 19. zum 20. Jahrhunderts. Erst Jung (1875-1961) erweitert und korrigiert durch Selbst-Erforschung, durch seine Untersuchung der Symbole des menschlichen Lebens und seine klinische Arbeit als Psychiater das naturwissenschaftliche Verständnis der Psyche. Er ist von den göttlichen Spuren in der Seele überzeugt. Psyche ist für ihn mehr als das persönliche, ego-identifizierte Selbst. Er setzte das Wort Seele als Äquivalent zum griechischen Wort Psyche und unterschied: Die individuelle Seele mit ihren Konflikten, Höhen und Tiefen und der Einzigartigkeit, die kollektive Seele oder Weltseele als das, was Menschen miteinander teilen und die transpersonale oder supra-individuelle Seele der Metaphysiker und Theologen als Seele im spirituellen und religiösen Sinn. Für ihn sind Seele und Körper gleichwertig. Jungs Sicht der Seele stand im Widerspruch zum Verständnis der modernen, rationalistischen Psychologie (Hopcke, S. 37f). Er beschreibt die Archetypen als überindividuelle Urbilder der Seele, als ewige Symbole aus einem gemeinsamen Urstoff, die in allen Mythen und Märchen der Menschheitsgeschichte enthalten sind.
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Ein Blick in die Geschichte des Abendlandes zeigt, dass die Seele lange Zeit ein wichtiger Bezugspunkt des Denkens über den Menschen, seine Natur und die Welt war. Durch die Betrachtung der Geschichte des Seelenbegriffes im Abendland wird verständlich, weshalb seine Leuchtkraft verloschen ist und welche Folgen das hat.
Nach antiker und mittelalterlicher Auffassung ist die Seele der Funke des objektiven göttlichen Logos. Sie ist das im Individuum versenkte Göttliche, das zu seinem Ursprung zurückstrebt. Ihre Aufgabe ist nicht, sich selbst, das Individuum und das Menschsein zu begreifen, sondern Gott und die absolute Wahrheit zu erkennen.
Der griechische Begriff für Seele ist Psyche, was ursprüngliche Hauch oder Atem bedeutet. Die ersten Belege für dieses Wort finden sich im 8. Jahrhundert in den homerischen Epen Ilias und Odyssee. Homer verwendet den Begriff Psyche für den Anteil des Menschen, der Träger des Belebtseins ist. Beim Sterben verlässt dieser Teil den Körper und hinterlässt den Körper ohne Leben, die Leiche, die als Soma bezeichnet wird: „Die Seele wird ausgehaucht, verlässt den Menschen durch den Mund, aber auch durch Wunden und fliegt zum Hades“. Die emotionalen und mentalen Anteile des Menschen, die heute Psyche genannt werden, nennt Homer Thymós und Nous oder nóos. Sitz der Thymós ist Zwerchfell oder Brust, die Psyche hat laut Homer keinen bestimmten Sitz im Körper. Auch Tiere haben nach Homer eine Psyche, also eine Seele, die beim Tod oder bei der Schlachtung entweicht.
Im 5. und 6. Jhd.v.Chr. wandelt sich die Bedeutung der Begriffe Psyche und Soma. Psyche schließt nun die denkende und fühlende Kraft, den Bedeutungsgehalt von Thymós mit ein. Psyche wird zum Ausdruck für die Kraft, die den Menschen „beseelt“, am Leben hält, die Gefühle erzeugt und Überlegungen anstellt. Der Begriff Soma wird nun für den lebendigen Körper verwendet. Heraklit trennt Seele und körperliche Funktionen. Für ihn hat die Seele eine stoffliche Qualität, er beschreibt sie als Feuer. Gott und Feuer sind für ihn identisch. Die Seele bewegt sich zwischen den gegensätzlichen Zuständen wässrig und trocken hin und her. Ist sie trocken und feurig, befindet sie sich in der bestmöglichen Verfassung und ist weise. Durch Untugenden wie Trunkenheit wird sie feucht und büßt die Fähigkeit des Verstehens ein (Wikipedia, Hinterhuber S.35).
Pythagoras (+497) und die Pythagoreer entwickeln zwei Theorien über die Seele, die beide die Seele als Harmonie beschreiben: Die erste, ursprüngliche, die vermutlich von Pythagoras selbst stammt, besagt, dass die unsterbliche Seele eine Harmonie oder eine harmonische Abstimmung abstrakter Zahlen darstelle. Diese Zahlen und ihre harmonischen Beziehungen existieren vor der Entstehung des Körpers und sie überdauern ihn auch. Diese präexistente Zahlenharmonie organisiert den Körper und das Leben. Die zweite Theorie, die dem Simmias, einem Phythagoreer zugeschrieben wird, besagt, dass die Seele im Körper eine Harmonie erzeugt, so dass der Körper wie eine harmonische, wohlgestimmte Leier funktioniert. Jedoch vergeht die Seele mit dem Körper, genauso wie der Wohlklang der Leier verschwindet, wenn die Leier zerbricht (Hinterhuber S. 35f).
Sokrates (470-399) vertritt die Auffassung, dass es eine vorrangige Aufgabe im Leben des Menschen ist, sich um die Entwicklung und das Wohlergehen der Seele zu kümmern. Das Wohlergehen der Seele, die Einsichtsfähigkeit des Menschen und sein Zugang zur Wahrheit hängen für ihn zusammen.
Für Platon (427-347) ist die Seele immateriell und unsterblich, ein körperunabhängiges Lebensprinzip. Sie existiert unabhängig vom Körper und schon vor dessen Entstehung. Der Körper ist ein vergängliches Vehikel, dessen die Seele sich bedient, ohne von ihm abzuhängen. Seele und Körper sind von der Beschaffenheit und vom Schicksal her völlig verschieden. Sie treten und wirken nur zeitweise zusammen. Platon bezeichnet den Körper sogar „als Grab der Seele“. In mehreren Mythen beschreibt er das Leben der Seele im Jenseits, das Seelengericht und die Seelenwanderung.
Platon unterscheidet drei wesensverschiedene Teile der Seele: Den vernunftbegabten (logistikón) mit Sitz im Gehirn, den begehrenden (epithymetikón) mit Sitz im Unterleib und einen muthaften (thymoeides) mit Sitz in der Brust. Der muthafte Teil ordnet sich leicht der Vernunft unter, der begehrende neigt dazu, sich zu widersetzen. Daraus entsteht der innere Konflikt des Menschen. Zur Verdeutlichung wählt er das Bild eines Pferdewagens: Die Vernunft muß als Wagenlenker ein Gespann aus den zwei unterschiedlichen Pferden Willen und Begehren lenken. Das widerwillige Ross (das Begehren, die Triebe) muss er bändigen, damit jeder Seelenanteil seine Funktion richtig erfüllen kann.
Platon nimmt an, dass die Erkenntnisse des Menschen Wiedererinnerungen an die vor der Verkörperung geschauten Ideen sind. Die Entwicklung der Seele im Körper besteht nicht darin, dass die Seele etwas Neues und Fremdes von außen aufnimmt, sondern darin, dass sie sich an ein Wissen erinnert, das sie bereits besaß, aber über das sie im Diesseits bisher nicht bewusst verfügen konnte. Dieses Wissen, die Kenntnis der Ideen und aller Dinge hat sie aus ihrem vorgeburtlichen Dasein an einem „überhimmlischen Ort“, aus früheren Erdenleben und aus ihren Erfahrungen in der Unterwelt mitgebracht. Die Seele ist in der Lage, sinnlich nicht wahrnehmbare Erkenntnisse und Ideen wie „das Gerechte, das Schöne oder das Gute“ zu erfassen. Sie wird geschädigt durch Bosheit, ein durch Unwissenheit bedingtes Handeln gegen die eigene Natur. Ihr Schicksal hängt von ihren ethischen Entscheidungen ab. Deshalb ist es wichtig, die Erkenntnis zu fördern. (Wikipedia, Jüttemann)
Platon sieht auch das Universum als „lebenden, mit einer Seele ausgestatteten Körper“ und der Begriff „Weltseele“ findet sich somit im Platonismus, im Neu-Platonismus und in der Stoa. Platon gründet 385 v.Chr. seine Schule, die Akademie heißt. Die Schule Platons hatte Bestand bis zur Schließung durch Kaiser Justinian im Jahr 529 n.Chr. Ihre Lehren hatten jedoch Wirkung bis ins Mittelalter und die Renaissance.
Augustinus hat aus platonischen und nachplatonischen Lehren zusammen mit christlichem Dogma eine eigene Philosophie geschaffen (Jüttemann, S.43). Neuplatoniker vertreten die Auffassung, dass die Seele an der Nahtstelle zwischen geistiger und materieller Welt steht.
Auch die gnostische Lehre fußt auf der Ansicht Platons, dass die Seele von Ewigkeit her existiert, vollkommen war und sich der Nähe Gottes erfreute. Als Gnosis oder Gnostizismus wird eine religiöse Lehre des 2. und 3. Jahrhunderts bezeichnet, aber auch Lehren früherer oder späterer Zeit, die dieser ursprünglichen Lehre ähnlich sind. Gnosis bedeutet Erkenntnis im allgemeinen Sinn. Gnostiker waren der Überzeugung, dass dem Menschen direktes, persönliches und absolutes Wissen auf intuitive Weise zugänglich ist und dass die Erlangung solchen Wissens die höchste Erfüllung des menschlichen Lebens bedeutet.
Die Gnostiker gehen davon aus, dass die Seele, nachdem sie sich aus Gottes Nähe getrennt hat, durch viele Leben wandert und schließlich zu Gott zurückkehrt. Der wahre Mensch ist der Mensch ohne seinen irdischen Körper. Askese und Ablehnung der Sexualität sind Wege, sich von dem in der Dualität verhafteten Anteil zu trennen. Das Zentrum des wahren Menschen ist die nach innen und zum göttlichen Licht gewandte Seele. Oft werden die Aussagen der Gnostiker als Weltflucht und Ablehnung des irdischen Lebens interpretiert. Die Trennung von Gott gilt als Sturz in die Dualität, weil die Seele abtrünnig wurde. Nun muß sie zur Strafe durch die vielen irdischen Leben gehen, um gereinigt zu werden. Alles Materielle gilt als niedrig und verabscheuungswürdig und muss daher überwunden werden. Gut ist allein der überirdische Logos und mit ihm der Geistfunke oder Lichttropfen im Menschen (Gosztonyi, Jüttemann S.77). Es gibt jedoch auch eine andere Interpretation der gnostischen Schriften: Der irdische Mensch ist nur ein Teil des ganzen Menschen. Der ganze Mensch ist ein Doppelwesen, bestehend aus dem irdischen Teil, der nur eine Projektion in die irdische Welt ist und dem „Lichtmenschen“, der als göttlicher Gedanke Teil des geistigen Reiches, der höchsten Ebene ist. Ein Teil des Lichtmenschen ist im menschlichen Körper als „Lichttropfen oder Geistfunke“ wie in einem Gefängnis eingeschlossen. Die Aufgabe des Menschen ist nicht, der Welt der Dualität zu entfliehen, indem er das Materielle verdammt, das Böse meidet und sich dem Licht zuwendet sondern indem er erkennt, dass die irdische Welt nur ein Schatten ist, eine Projektion, die nicht wirklich existiert. Dadurch kommt der Lichttropfen wieder mit der ursprünglichen Welt in Verbindung und kann dann das irdische Leben nach den Mustern der göttlichen Urbilder gestalten (Dietzfelbinger).
Die Seelenlehre des Aristoteles (384-322) findet sich in seinem Werk „Über die Seele“ (De anima). Für ihn ist die Seele nicht ein überindividueller Anteil der Lebewesen, sondern ein immaterielles Formprinzip, ein zweckgerichtetes, sich selbst realisierendes Bewusstseinsprinzip, das in jedem Lebewesen den Körper belebt und zusammen hält. Körper und Seele bilden eine untrennbare Einheit, ihr Sitz im Menschen und höheren Tierarten ist das Herz. Sie ist zwar Ursache der Bewegung, aber selbst unbewegt. Aristoteles unterscheidet drei Formen der Seele: Die nährende Seele, die sensorische Seele und die rationale Seele. Die nährende, vegetative Seele findet sich bei allen Organismen, auch bei Pflanzen. Sie ist zuständig für Ernährung, Wachstum und Fortpflanzung. Die sensorische Seele ermöglicht Wahrnehmung, Fortbewegung und Strebevermögen und findet sich nur in Tieren und Menschen. Sie enthält auch die Begierden und Gefühle, die aber von der Vernunftseele des Menschen überformt werden können. In der Vernunftseele wird der Trieb zum Willen, die Wahrnehmung oder die Vorstellung zur Erkenntnis. Die rationale oder vernünftige Seele, die nur der Mensch besitzt, bezeichnet Aristoteles als Nous oder Geist. Sie kommt von außen in den Menschen hinein, ist unsterblich, sich seiner selbst bewusst und vom Körper unabhängig. Die rationale vernünftige Seele ist sowohl möglicher als auch tätig wirkender Intellekt. Erst durch die vernünftige Seele wird es dem Menschen möglich zu denken. So entsteht die menschliche Denkseele, die alle anderen Formen der Seele in sich aufnehmen kann. Ihre Erkenntnis gewinnt sie nicht wie bei Platon durch Erinnerung an die jenseitige Welt, sondern aus Sinneswahrnehmung und Abstraktion im Diesseits. Sinneswahrnehmung und Emotionen sind Phänomene der Sinnenseele (anima sensitiva). Nach Aristoteles ist der Körper das Werkzeug der Seele. Die Seele kann sich nur über den Körper äußern und ist daher nur durch den Körper erkennbar. Durch die Erforschung des Körpers kann man auch die Seele erforschen. Somit wird sie „Sache des Naturforschers“ und ist Gegenstand von Physik und Physiologie. Die Vorstellungen von Aristoteles gelten daher als der Ursprung der empirischen, naturkundlichen Psychologie, die vor allem im 13. Jahrhundert begann.
Die Existenz von Körper und Seele (einschließlich des möglichen Intellekts) endet für Aristoteles mit dem Tod. Allerdings bleibt der aktive Intellekt, der rationale aktive Nous vom Tod unberührt, da er eine vom physischen Organismus getrennte, unvergängliche und leidensunfähige geistige Kraft ist, die von außen in den Menschen kommt (Wikipedia, Hinterhuber, Jünemann).
Um 205-270 n.Chr. erneuert Plotin die platonische Philosophie und verbindet sie mit aristotelischen, stoischen und gnostischen Gedanken. Nach Plotin stammt der Geist (Nous) aus dem Einen, aus dem wiederum die Weltseele hervorgeht. Es entsteht ein Kontinuum von Einem/Gott über Geist, die Weltseele bis hin zur körperlichen Welt. Wenn sich die Weltseele mit dem wahrnehmbaren Kosmos verbindet, entstehen die Einzelseelen. Die Einzelseele verlässt das Ganze und inkarniert im Körper, von dem sie sich wieder lösen muß, um zur Weltseele zurückzukehren. Der Mensch hat als einziges Wesen die Möglichkeit, sich sowohl nach unten zur Welt der Körper als auch nach oben zur Welt des Geistes zu wenden. Plotin war überzeugt, dass alle Seelen im Kontakt mit dem Göttlichen stehen (Hinterhuber, Jüttemann).
Im Mittelalter wird ein Seelenbild für das analphabetische Volk geschaffen. Die Seele ist nicht mehr der unsichtbarer Geist, der den Körper belebt, sie wird als Körper dargestellt. Sie wird zu einem eigenen Körper und existiert als zweiter Körper im menschlichen Körper. In den bildlichen Darstellungen, insbesondere zwischen dem 9. und 16 Jh. finden wir sie als kleinen nackten Menschen, der von Gott, von den Engeln oder von Christus aufgenommen und bekleidet wird. In Todesszenen findet man die Seele gelegentlich auch bekleidet, und zwar genauso wie der Sterbende. Sie entweicht aus dem Mund des Sterbenden und kehrt zu Gott zurück. Oft wird die Seele auch in Tiergestalt dargestellt: Als Hirsch, Lamm oder Vogel, insbesondere als Taube. Die Seele ist von Gott geschaffen und kehrt in „schneeweißer Reinheit“, „lichtüberzogen“, „von Engeln empfangen“ nach dem Tode des Körpers zu ihrem Schöpfer zurück, falls sie ihre Sünden nicht im Fegefeuer sühnen muß (Jüttemann S.6, S.97ff., Hinterhuber S.107). Die Vorstellung des Fegefeuers ist allerdings erst seit dem 12. Jahrhundert Bestandteil des theologischen Denkens (Jüttemann S.101).
Um die Seele zu reinigen, gründeten die reichen Herren Kapellen und Klöster. Die Bürger förderten ihre Seele durch das Armenalmosen. Im Mittelalter galten die Armen als Repräsentanten der verstorbenen Verwandten. Indem ein Mensch die Armen unterstützte, unterstützte er auch die Seelen der verstorbenen Verwandten. Unter anderem schufen die Bürger das „Seelenhaus“, ein Badehaus für arme Menschen. Baden im öffentlichen Bad der Stadt war im Mittelalter teuer. Eine besondere Stiftung ermöglichte es den Armen zu baden. Mit der Reinigung des Körpers wurde auch stellvertretend die Seele gereinigt. Daher wurde dieses Bad als Seelenbad oder Purgatorium bezeichnet, der Bademeister hieß auch Seelenmeister. Mit zunehmender Alphabethisierung und abstraktem Denken veränderte sich die körperhafte Seelenvorstellung zur Geist-Seele. Die Seele galt nun als geistige, nach dem Ebenbild Gottes geschaffene Substanz, deren Abbildung den Gläubigen vom Sichtbaren zum Unsichtbaren führen soll. Doch je mehr die Unsichtbarkeit und Ungreifbarkeit der Seele betont wird, desto schwerer ist sie zu erkennen.
Am Ende des Mittelalters, zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert, vollzog sich im kirchlichen Verständnis der Seele ein Wandel. Aus der kosmischen Seele wird eine individualisierte Seele. In dieser Zeit wird die bisher vorherrschende Kollektivbeichte durch die Einzelbeichte abgelöst. Der einzelne Mensch tritt dadurch aus dem Kollektiv des frühmittelalterlichen Personenverbandes heraus. Die Seelenforschung führt den Menschen dazu, das eigene individuelle Innere wahrzunehmen und zu erforschen. Die Einzelseele erlangt damit eine neue Bedeutung, sie wird zum eigenwertigen Kosmos. Im 16. Jahrhundert ist die Seele die große Vermittlerin zwischen Gott, dem unstofflichen, vollkommenen und unvergänglichen Reich des Geistes, das sich im stofflosen Raum befindet und der irdischen Existenz in der groben Hülle aus stofflicher, höchst unvollkommener und vergänglicher Materie. Da die unstoffliche Seele nicht direkt auf die Materie einwirken kann, braucht sie eine Unterstützung durch „Vermögen“ und „Instrumente“. Zu diesen Instrumenten zählt der „Spiritus“ der zeitgenössischen Medizin, der als Mittler zwischen der immateriellen Seele und dem Körper eingeführt wird. Als Spiritus werden die Kräfte bezeichnet, mit deren Hilfe die Seele auf den Körper einwirkt. Der Geist wird der Materie entgegengestellt. In der Seele werden auch die Kämpfe zwischen Gut und Böse, zwischen den himmlischen und dämonischen Kräften ausgetragen. Um zu entscheiden, welche Seele vom Bösen besetzt ist, wird von äußeren Zeichen auf das Innere des Menschen rückgeschlossen. So weisen besondere Verfehlungen in Ehe und Sexualität darauf hin, dass Dämonen die Seele besetzt haben und sie von Gott abfällt. Insbesondere die Inquisitition, zu deren Aufgaben das Erkennen solcher Glaubensabweichungen gehörte, setzte sich mit diesen Fragen auseinander (Jütemann S.6, S. 165ff, Hinterhuber S. 97).
Im Unterschied zu den Vorstellungen Platons und Plotins erscheint der Kosmos in der Renaissance grenzenlos. Die Weltseele wird zu einer unverzichtbaren, rationalen Erklärungsgröße. So wie im Organismus das Ganze in jedem Teil ist, so wird auch das Universum als beseelt angesehen. Alles ist mit allem in Beziehung, zwischen Mikro- und Makrokosmos besteht eine Korrespondenz. Die Seele wird das Prinzip, das im Großen wie im Kleinen wirkt und alle Dinge erschafft. Als die weltgestaltendeKraft ist sie unsterblich. Ob sie als individuelle Seele auch unsterblich ist, ist umstritten. Die Seele steht zwischen Gott und den Engeln einerseits und der Qualität und den Körpern andererseits. Der Seelenbegriff stellt nicht mehr eine Weltordnung im mittelalterlichen Sinne dar, er ist eine analytische Auffächerung der verschiedenen Leistungen der Seele. Gott und Engel bedeuten die Fähigkeit, Prinzipien und Universales zu erfassen; Qualität und Körper meinen die Fähigkeit, das konkret Sinnliche zu erkennen. So wird der Seele zunehmend die Substanz geraubt und sie wird nur noch in ihrer Funktion beschrieben. Das Gewissen gilt als Gewand der Seele (Jütemann S.6, S.180ff.)
In der Zeit der Aufklärung (17. und 18. Jh.) erhielt die Materie eine zentrale, alles bestimmende Stellung. Der Mensch wird ein materielles Wesen ohne Seele, dessen Ziel Selbstbehauptung ist. Für René Descartes (1596-1650) ist der Körper nicht mehr der Sitz der Seele, der Körper wird zur seelenlosen Maschine, die sich nach rein naturwissenschaftlichen Prinzipien bewegt und arbeitet. Die Seele ist vom Körper getrennt und hat keinen Einfluss mehr auf die Lebensvorgänge. Der menschliche Körper ist wie der anderer Lebewesen ein bloßer Automat, der durch die mathematische Naturwissenschaft erklärt werden kann. Selbst die Gefühle und die Leidenschaften sind materiell erklärbare Vorgänge. Der Mensch wird durch äußere Umstände zu dem, was er ist und nicht durch ein „immer schon fertiges Ding.“ Die Seele ist nicht länger der wahrhaft seiende Wesenskern des Menschen, der alle zeitlichen Erscheinungsformen überdauert, sondern ein Funktionsprinzip der Körperprozesse. Der ursprüngliche Begriff Seele wird durch den Begriff Geist ersetzt. Die Funktion der Seele ist nach Descartes das Denken. Geist und das „Ich-denke“ werden zum Zentrum des Menschen. Was im Mittelalter der göttliche Funke in jedem Menschen war, ist nun die subjektive Vernunft, mit der sich der Mensch behauptet. Ziel der menschlichen Gemeinschaft ist, vernünftige Verhältnisse mit Glückmöglichkeit für alle zu verwirklichen. Da durch den Autonomiegedanken das Konkurrenzdenken ansteigt, sollte mit Hilfe der Vernunft die Selbstliebe kontrolliert werden.
Der Begriff Seele kennzeichnet in der Aufklärung das gesellschaftliche Verhältnis, in dem der einzelne zur Allgemeinheit steht. Seele bezeichnet die Integrationskraft des einzelnen, die Gewähr der Einheit der Person ist. Schließlich entfällt der Seelenbegriff als immaterielle Lebenskraft in der modernen Natur- und Geisteswissenschaft völlig. Geistige Aktivitäten entstammen ausschließlich dem Verhalten der Nerven- und Gliazellen, den Atomen, Ionen und Molekülen. Nach Kants Auffassung sind Begriffe wie Seele, Welt, Gott regulative Ideen ohne objektiven Inhalt. Es geht um das Individuum, um Selbsterkenntnis und nicht um höhere Werte. Der Begriff Seele wird von der Aufklärung zur Metapher herabgesetzt und verkommt im 19. Jahrhundert zu Kitsch (Jütemann S. 8f, S. 121, S. 218ff., Hinterhuber S. 121ff).
Die Romantik des 19. Jahrhunderts stellt eine Gegenbewegung zur Entwicklung des Seelenbegriffes in der Aufklärung dar. Sie postuliert, dass das menschliche Wesen nicht allein auf Vernunft reduziert werden könne. Der Vernünftige begegnet unausweichlich den Seiten seiner Existenz, die nicht in die Ordnung der Vernunft passen, dem Traum, Schlaf, Unbewussten. Der Schlüssel zum Bewusstsein liegt im unbewussten Seelenleben. Der Begriff der „schönen Seele“ taucht auf, die ein Ergebnis von Bildung und Selbstreflexion ist.
Doch die Erklärungen der Naturwissenschaften im 19. Jh. brauchen keinen Gott und keine lebensspendende Seele. Und so orientiert sich auch die Psychologie an den Naturwissenschaften. Freuds (1856-1939) Begriff des Unbewussten bezeichnet einen dem Bewusstsein im allgemeinen nicht zugänglichen Bereich, der den entscheidenden Bezugspunkt der Psychoanalyse darstellt, die zu einer „Wissenschaft des Unbewussten wird“. Die Seele wird zur Psyche, der Funke Gottes zu verdrängten Erinnerungsbildern, die seelische Erkrankungen hervorrufen können. Der Begriff „Psychoanalyse“ vereinigt in sich zwei gegenläufige Hauptströmungen des 19. Jh. Psyche ist der Inbegriff des Irrationalen, Analyse ein rational-naturwissenschaftlicher Ansatz. Freud schreibt: „Es scheint mir ebenso mutwillig, die Natur durchwegs zu beseelen, wie sie radikal zu entgeistern. Lassen wir ihr jedoch ihre großartige Mannigfaltigkeit, die vom Unbelebten zum organischen Belebten, vom Körperlichlebenden zum Seelischen aufsteigt. Gewiss ist das Unbewusste die richtige Vermittlung zwischen dem Körperlichen und dem Seelischen, vielleicht das lang entbehrte ´missing-link`.“ (Hinterhuber S.142). Freuds Denkmodell orientiert sich an den Erkenntnissen der Naturwissenschaft der Wende vom 19. zum 20. Jahrhunderts. Erst Jung (1875-1961) erweitert und korrigiert durch Selbst-Erforschung, durch seine Untersuchung der Symbole des menschlichen Lebens und seine klinische Arbeit als Psychiater das naturwissenschaftliche Verständnis der Psyche. Er ist von den göttlichen Spuren in der Seele überzeugt. Psyche ist für ihn mehr als das persönliche, ego-identifizierte Selbst. Er setzte das Wort Seele als Äquivalent zum griechischen Wort Psyche und unterschied: Die individuelle Seele mit ihren Konflikten, Höhen und Tiefen und der Einzigartigkeit, die kollektive Seele oder Weltseele als das, was Menschen miteinander teilen und die transpersonale oder supra-individuelle Seele der Metaphysiker und Theologen als Seele im spirituellen und religiösen Sinn. Für ihn sind Seele und Körper gleichwertig. Jungs Sicht der Seele stand im Widerspruch zum Verständnis der modernen, rationalistischen Psychologie (Hopcke, S. 37f). Er beschreibt die Archetypen als überindividuelle Urbilder der Seele, als ewige Symbole aus einem gemeinsamen Urstoff, die in allen Mythen und Märchen der Menschheitsgeschichte enthalten sind.
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